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© Deutscher Wetterdienst Offenbach Hochwasserfrühwarnung
Hochwasserfrühwarnung f?r Rheinland Pfalz
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Einsatzgrundzeit von 8 Minuten - Warum?

Landesfeuerwehrinspekteur Ministerialrat Hans-Peter Plattner

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Haushaltslage des Landes und der Kommunen hat unter-schwellig eine für einen wichtigen Teil der Inneren Sicherheit gefährliche Diskussion begonnen: Die Diskussion um die Notwendigkeit der örtlichen Feuerwehr-einheiten. Vermeintliches Ziel dieser Diskussion stellt die Einsparungen von Investitions- und Unterhaltungskosten durch die Auflösung von Feuerwehren dar. Bei diesen Überlegungen spielt aber auch die Entschärfung der Förderproblematik eine erhebliche Rolle. In der folgenden Darstellung soll daher die Notwendigkeit der Einsatzgrundzeit von 8 Minuten hinterfragt und erläutert werden, aus der sich ja die Existenz und der Fortbestand von örtlichen Feuerwehreinheiten ableitet.

Der Eintritt von Schaden- und Gefahrenlagen erfordert das unverzügliche Einleiten wirksamer Hilfe, die grundsätzlich von beiden Faktoren „Schnelligkeit“ und „Schlagkraft“ abhängig ist:

1.

Anforderung an die „Schnelligkeit“: Der Zeitraum zwischen der Brand-entstehung und dem Wirksamwerden der Einsatzmaßnahmen sollte möglichst kurz gehalten werden.

2.

Anforderung an die „Schlagkraft“: Der Einsatzwert (Mannschaft, Ausrüstung, Ausbildung und Motivation) der zuerst an der Einsatzstelle eintreffenden örtlichen Feuerwehreinheit hat den zu erwartenden örtlichen Gefahren und Risiken zu entsprechen.

Der „Schnelligkeit“ kommt eine besondere Bedeutung zu. DIN 14011-9 definiert als Hilfsfrist für den Abwehrenden Brandschutz:

„Hilfsfrist ist die Zeit zwischen dem Entdecken eines Schadensereignisses und dem Wirksamwerden der befohlenen Maßnahmen. Die Hilfsfrist setzt sich zusammen aus

Meldezeit,
Alarmierungszeit,
Ausrückezeit,
Anmarschzeit,
Erkundungszeit und
Entwicklungszeit

Die in Rheinland-Pfalz durch die Feuerwehrverordnung (FwVO) eingeführte Einsatzgrundzeit darf nicht mit der Hilfsfrist nach DIN 14011-9 verwechselt werden. Die Einsatzgrundzeit ist ein Teil der Hilfsfrist und umfasst lediglich die Ausrückezeit und Anfahrtszeit alarmierter Einheiten. Die Ausrückezeit und die Anfahrtszeit sind für eine örtliche Feuerwehreinheit in ihrem Ausrückebereich als konstant zu betrachten und fallen in den Zuständigkeits- und Verantwortungsbereich des kommunalen Aufgabenträger des örtlichen Brandschutzes in der Regel in den der Verbandsgemeinde. Gegenwärtig beträgt die durchschnittliche Ausrückzeit einer Freiwilligen Feuerwehr etwa 4 Minuten, so dass für die Anfahrtszeit ebenfalls 4 Minuten verbleiben.

Der Einsatzgrundzeit von 8 Minuten zwischen Alarmierung und dem Eintreffen an der Einsatzstelle ist nicht willkürlich festgelegt worden; sie ergibt sich vielmehr aus dem chemisch-physikalischen Prozess des Brandverlaufes. Drei Zeitspannen sind dabei von besonderer Bedeutung:

17 Minuten nach Brandausbruch wird die Überlebensgrenze bei einer Kohlen-stoffmonoxydvergiftung (CO-Vergiftung) erreicht.

18 Minuten nach dem Brandausbruch erfolgt der sogenannte „flash-over“ oder „Feuerübersprung“ – mit diesen Begriffen wird das schlagartige Durchzünden eines thermisch aufbereiteten Brandrauches beschrieben. Unterstützt von einem plötzlichen Sauerstoff-zutritt, zum Beispiel durch geplatzte Fensterscheiben oder das Öffnen von Türen entzünden sich dann die Schwelgase, wo bei eine besondere Gefahr für die Einsatzkräfte entsteht.

30 Minuten nach dem Feuerübersprung versagen in der Regel Bauteile, an die keine besondere Anforderungen gestellt werden, d.h. sie verlieren ihren Feuerwiderstand oder ihre Standsicherheit. Die Brandausbreitung oder der Einsturz können dann als Folgen auftreten, wobei die im Innenangriff unter Preßluftatmern vorgehenden Feuerwehrangehörigen besonders gefährdet würden.

Diese kritischen Zeitwerte sind aus praktischen Erfahrungen sowie aus wissenschaftlichen Unter-suchungen gewonnen worden und können somit als Durchschnittswerte betrachtet werden. Nur mit einer Einsatzgrundzeit von 8 Minuten liegt die Hilfsfrist zwischen 15 und 20 Minuten, so dass die Feuerwehr in der Regel vor den zeitkritischen Werten eintrifft.

Nur durch eine Einsatzgrundzeit von 8 Minuten ist es also möglich, bei Bränden

1.

den in Not Geratenen vor einer Rauchgasvergiftung (Kohlenmonoxyd-Vergiftung) zu retten

2.

ein Schadenfeuer vor der Durchzündung („flash-over“, Feuerübersprung) in der Entstehungsphase wirksam und ungefährdet zu bekämpfen und

3.

bei einem Vollbrand innerhalb einer halben Stunde relativ ungefährdet die Brandbekämpfung durchzuführen

Was geschähe, wenn die Einsatzgrundzeit über 8 Minuten ausgedehnt werden würde?

1.

In den meisten Fällen wäre keine erfolgreiche Menschenrettung durch die Feuerwehr mehr möglich. In der Regel könnte dann die Feuerwehr lediglich die Leichen der Betroffenen bergen, die bereits vor dem Eintreffen der Einsatzkräfte an einer Kohlenmonoxyd-Vergiftung gestorben sind; die Anzahl der Brandtoten würde sich also erhöhen.

In Großbritannien mit einer hauptamtlichen Feuerwehrorganisation und einer Einsatzgrundzeit von 20 Minuten gibt es beispielsweise in den ländlichen Bereichen viermal so viel Brandtote wie in Deutschland.

2.

Ein Schadenfeuer könnte in der Regel nicht mehr vor dem Feuerübersprung auf seinen Entstehungsort begrenzt werden. Mit dem Totalverlust einer Wohnung oder gar eines Wohnhauses müsste dann grundsätzlich gerechnet werden

3.

Die mit Preßluftatmern vorgehenden Angriffstrupp der Feuerwehr würden in verstärktem Maß einer Gefährdung durch den „Feuerübersprung“ ausgesetzt werden, da es erst kurz vor diesem kritischen Zeitpunkt des Durchzündens an den Brandherden gelangen würden.

4.

Bei einem Vollbrand wäre öfters mit dem Versagen der einzelnen Bauteile und der Gesamtkonstruktion hinsichtlich Feuerwiderstand und Standsicherheit zu rechnen. Dabei würden die Einsatzkräfte gegebenenfalls auch durch Einsatz bedroht werden.

5.

Durch die Verlängerung der Einsatzgrundzeit könnte auch eine Auflösung örtlicher Feuerwehreinheiten erfolgen. Diese Auflösung hätte wiederum eine stärkere Belastung der größeren, sogenannten „Stützpunktfeuerwehren“ zur Folge, die personell tagsüber auch nicht mehr so stark besetzt sind. Diese stärkere Belastung wiederum würde zu einer Überlastung der dortigen freiwillig-ehrenamtlichen Helfer und letztlich deren „Ausbluten“ führen, so dass die Einstellung hauptamtlicher Kräfte unvermeidlich wäre. Bereits heute haben ehrenamtliche Feuerwehrangehörige, die wegen Einsätzen häufiger die Arbeitsstelle verlassen, teilweise massive Probleme mit ihren Arbeitgebern.

6.

Die durch die Einstellung von hauptamtlichen Kräften entstehenden Personalkosten würden allein die jetzigen Gesamtkosten für den Brandschutz in Rheinland-Pfalz bei weitem übersteigen. Bei einer hauptamtlichen Feuerwehrorganisation wie in Großbritannien ergäben sich ein Personalbedarf von etwa 4000 Feuerwehrbeamten und somit Personalkosten in Höhe von rund 200 Mio. €. Derzeit belaufen sich die Personalkosten im Feuerwehrbereich auf ungefähr 50 Mio. €. Somit würden sich nicht nur die Brandtoten, sondern auch die Personalkosten vervierfachen!

Durch eine Verlängerung der Einsatzgrundzeit würden nicht nur die Anzahl der Brandtoten, sondern auch der Umfang der Brandschäden zunehmen; ebenfalls würden sich die Gefahren für die Einsatzkräften erhöhen. Somit wäre die Feuerwehr dann nicht mehr in der Lage, wirksame Hilfe zu leisten. Die Einsatzbelastung würde sich auf wenige zentrale Stützpunkte konzentrieren. Die freiwillig-ehrenamtliche Feuerwehrorganisation in Rheinland-Pfalz somit durch eine Überlastung zerschlagen und insbesondere bei er Bewältigung von Großschadenslagen und Katastrophen fehlen. Sind die freiwillig-ehrenamtlichen Strukturen erst einmal zerschlagen, lassen sie sich – wie das Beispiel der osteuropäischen Länder zeigt – nicht mehr, oder nur sehr schwer und auch örtlich begrenzt wiederbeleben.

Die objektive Betrachtung zur fachlichen Prüfung der Zweckmäßigkeit einer Einsatzgrundzeit von 8 Minuten im Abwehrenden Brandschutz kann daher nur zu dem Ergebnis führen

1.

Die Verlängerung der Einsatzgrundzeit führt nicht zu Einsparungen, sondern durch die Einstellung von hauptamtlichen Personal zu erheblichen Mehrkosten

2.

Grundsätzlich sind die Ortsgemeinden nach wie vor als Ausrücke-bereich für Brandgefahren zu betrachten

3.

Die Einsatzgrundzeit von 8 Minuten darf nicht verlängert werden

Im übrigen hat Staatsminister Walter Zuber anlässlich der Delegiertenversammlung des LFV Rheinland-Pfalz am 19.10.02 in Germersheim zu diesem Thema folgendes ausgeführt:“ Noch ein Wort ...bezüglich der Erhaltung der Einsatzgrundzeit und der Erhaltung der Gemeindefeuerwehren. Ich denke, dass amn eine solche Diskussion auch herbeireden kann. Deshalb wiederhole ich zum x-ten Male : Der Entwurf des ISM zur Novellierung des LBKG sieht weder eine Änderung der Einsatzgrundzeit noch eine Zwangszusammenlegung von örtlichen Feuerwehren vor. Hier muss ja mal die Kirche bzw. die Feuerwehr im Dorf lassen!“

Mainz, 27. November 2002 - Referat 351, Az.: 30 113-1VO.1

 

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